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Versandapotheken: Wolf sieht Arzneiversandhandel gelassen

Mehrere Discounter denken derzeit über einen Einstieg in das Arzneimittelgeschäft nach. Die Apotheken sind von dieser Entwicklung unmittelbar betroffen. Wegen der Brisanz des Themas führte der Merck Serono Presseservice am 21.2.2008 ein Interview mit Heinz Günter Wolf, Präsident der Apothekenspitzenorganisation ABDA.


Die Pläne der Drogerie-Handelskette Schlecker, in den Versandhandel mit Arzneimitteln einzusteigen, sind ins Stocken geraten. Zumindest bis ihre Kunden rezeptpflichtige Medikamente bestellen können, dürfte es noch dauern. Erfüllt Sie das mit Genugtuung?


Nein, nur bedingt. Schlecker greift die Versandapotheken an, also kann das höchstens Schleckers Versandhandelskonkurrenz freuen. Aber die Verzögerung zeigt erneut, dass das Arzneimittelgeschäft an sich hoch komplex ist und von Branchenfremden leicht unterschätzt wird.

Versandhandel ist in Deutschland seit 2004 erlaubt. Warum versuchen insbesondere die größeren Versandapotheken vom Ausland aus den deutschen Markt zu erobern?

Diese Frage müssten die Versender selbst beantworten. Ich vermute, dass es steuerliche Vorteile gibt und dass die Qualitätsanforderungen im Ausland sehr viel leichter zu erfüllen oder zu umgehen sind als in Deutschland.

Der Versandhandel macht nach ABDA-Schätzung nur zwei bis drei Prozent des gesamten Arzneimittelmarktes aus, bei Rezeptpflichtigen erreicht der Anteil weniger als ein Prozent. Wird das so bleiben?

Das wird mit Sicherheit nicht viel mehr werden. Denn immerhin wird seit 2004 von einigen Krankenkassen für den Versandhandel erheblich Werbung gemacht, gerade im verschreibungspflichtigen Bereich. Und trotzdem ist dort die Ein-Prozent-Marke nicht erreicht worden. Für mich ist das ein eindeutiges Votum der Verbraucher. Sie wünschen sich ihren Apotheker vor Ort, an den sie sich vertrauensvoll wenden können.

Nun hört ja Freundschaft beim Geld auf. Schlecker verspricht für rezeptfreie Medikamente Preise, die bis zu 45 Prozent unter den Herstellerempfehlungen liegen. Erzeugt dies nicht Preisdruck auf die sprichwörtlich teuren Apotheken?

Zunächst einmal: Apotheken sind nicht teuer. Wir sind der Auffassung, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis günstig ist. Trotzdem spüren wir den Druck. Die Apotheken haben darauf längst reagiert. Wir stehen nicht nur im Beratungs- und Service-Wettbewerb, sondern bei rezeptfreien Medikamenten auch im Preiswettbewerb.

Das bedeutet aber, die Gewinnspanne der Apotheker wird kleiner?

Ja, dieser Druck auf die Gewinnspanne wird weiter zunehmen.

Gefährdet dies die 21.000 Präsenz-Apotheken in Deutschland?

Einzelne vielleicht, die niedergelassenen Apotheken insgesamt aber nicht, soweit beispielsweise der Gesetzgeber nicht erneut die Marge reduziert. Diese Frage muss ich daher ganz klar mit Nein beantworten.

Mit anderen Worten, der Versandhandel macht Ihnen nicht so viel Angst wie Außenstehende möglicherweise glauben?

So ist es, ja. Wir haben keine Angst, sondern machen uns Sorgen um das Wohl der Patienten und derer, die all den illegalen Angeboten im Windschatten der Legalisierung vertrauen und dabei Gesundheit und Geld verlieren.

Nun könnte sich natürlich dieses Bild in dem Moment ändern, in dem das Fremd- und Mehrbesitzverbot fällt. Der Europäische Gerichtshof wird in den nächsten zwölf Monaten darüber entscheiden, ob Nicht-Apotheker, etwa Finanzinvestoren, Apotheken besitzen können und zwar beliebig viele. Fällt das Verbot, dann könnten die großen Drogerieketten in ihren Filialen zumindest Bestell- und Abholstellen einrichten. Immerhin stehen den 21.000 Apotheken allein 11.000 Schlecker-Filialen gegenüber. Wie schätzen Sie diese Gefahr ein?

Also, warten wir in aller Ruhe ab, was der Europäische Gerichtshof sagen wird. Selbst wenn das Urteil so ausginge, wie interessierte Kreise suggerieren, wäre dies kein Freibrief für branchenfremde Mitbewerber. Es gibt immer noch eindeutige Gesetze und Regelungen, wie die Apothekenbetriebsordnung, an die sich alle halten müssen. Es ist also nicht so, dass Wild-West ausbricht und Drogerie-Discounter in jeder Filiale eine Apothekenecke einrichten könnten und würden. Das ist nicht so einfach und vor allem nicht billig. Wer alle Auflagen erfüllen will, der wird nicht mehr das große Geld verdienen, insbesondere wenn er auf den möglichst niedrigen Preis setzt. Wir sollten darüber nachdenken, ob nicht Verbraucher- und Patientenschutz und damit eine optimale Qualität auf der Prioritätenliste ganz oben stehen sollten – und nicht Konzernen die Chance gegeben wird, Märkte vertikal zu kontrollieren.

Wagen Sie doch einmal einen Ausblick: Wie sieht die Arzneimittelversorgung in zehn Jahren aus?

Das ist Kaffeesatzleserei. Aber ich hoffe, dass sie nicht schlechter wird und zwar für die Bevölkerung. Wir Apotheker jedenfalls tun alles, damit die Qualitätsmaßstäbe von heute auch in zehn Jahren noch gelten. Apotheken sind Teil des Gesundheitssystems und unterliegen der nationalen Gesetzgebung. Das muss so bleiben. Sie sind nicht – wie die EU-Kommission glaubt - Teil der Handelskette. Schon allein deshalb besteht kein Liberalisierungsbedarf. Und das sehen erfreulicherweise viele Bundespolitiker auch so.
Heinz Günter Wolf, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände
Heinz Günter Wolf, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände