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IGES-Chef Häussler im Interview: Finanzielle Mehrbelastung sorgt für dramatischen Rückgang an Kinderwunsch-Behandlungen

Gleich zwei Fernsehsender, nämlich RTL 2 und Sat.1, haben in Doku-Serien ein Thema aufgegriffen, das immer mehr Menschen betrifft: Ungewollte Kinderlosigkeit. Viele der Fernseh-Paare setzten große Hoffnungen in die künstliche Befruchtung. Doch die Hilfe der Medizin ist vielen Paaren versperrt. Sie können sich künstliche Befruchtung nicht leisten, nachdem die gesetzlichen Krankenkassen seit 2004 nur noch die Hälfte der Kosten bei den ersten drei Versuchen übernehmen. Das Berliner IGES-Institut hat die Folgen dieser finanziellen Kürzungen untersucht und Auswege aus der Misere aufgezeigt. Wir fragten IGES-Chef Professor Dr. Bertram Häussler, wie sie aussehen könnten.

Herr Professor Häussler, etlichen Paaren aus der Sat.1 Doku-Serie „Deutschland wird schwanger“ und der RTL2-Serie „Wunschkinder“ fehlte es an finanziellen Mitteln, um eine Kinderwunschbehandlung durchführen zu lassen. Wie dramatisch ist die Situation in Deutschland eigentlich?

Ein Paar, das auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen kann, benötigt häufig bis zu fünf Behandlungsversuche, bis sich eine Schwangerschaft einstellt. Seit der Kürzung der Erstattung für die künstliche Befruchtung in der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 2004 muss das Paar dafür etwa 12.000 Euro aus eigener Tasche bezahlen. Zuvor waren es für die gleiche Anzahl von Versuchen nur rund 3.600 Euro. Diese Zahlen sprechen für sich. Es liegt auf der Hand, dass die finanzielle Mehrbelastung der Paare zu einem dramatischen Rückgang der Inanspruchnahme von Kinderwunsch-Behandlungen geführt hat.

Das Land Sachsen hat reagiert und unterstützt ungewollt kinderlose Paare mit Steuermitteln. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Die reproduktionsmedizinischen Kliniken rechnen mit einem Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ließe sich dieses Modell nicht auch auf Deutschland übertragen?


Das sächsische Modell sieht einen festen Zuschuss für den zweiten, dritten und vierten Behandlungszyklus vor. Dieser Zuschuss deckt die Hälfte des Eigenanteils der Kinderwunschpaare ab. Das von uns berechnete Modell funktioniert ähnlich: Der Staat würde beim ersten und jedem weiteren Behandlungsversuch 50 Prozent des Eigenanteils als Steuerzuschuss übernehmen. Bei fünf Behandlungsversuchen läge der Selbstbehalt in unserem Modell bei 6.000 Euro. In Sachsen müssen ungewollt Kinderlose für die selbe Anzahl an Versuchen rund 8.600 Euro bezahlen. Für unser Modell haben wir – im Rahmen von drei Bedarfsszenarien – ein erforderliches Budget für den Bund von 41 bis 85 Millionen Euro pro Jahr berechnet. Das sächsische Modell käme den Staat noch etwas günstiger. Eine Ausweitung auf den Bund wäre angesichts des moderaten Finanzbedarfs deshalb durchaus möglich.

Seit 2004 ist die Anzahl der Kinder, die aufgrund einer künstlichen Befruchtung geboren wurden, schlagartig um rund 50 Prozent zurückgegangen. Wie würde sich ein aus Steuermitteln finanzierter Zuschuss auf die Inanspruchnahme der künstlichen Befruchtung und damit auf die Geburtenzahl auswirken?

Nach unseren Berechnungen könnte die Inanspruchnahme der künstlichen Befruchtung von rund 54.500 Behandlungen im Jahr 2004 auf bis zu 132.000 Behandlungen pro Jahr steigen. Somit könnten – unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Erfolgsraten der unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten – bis zu 14.500 Kinder zusätzlich geboren werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 kamen in Mecklenburg-Vorpommern 12.800 Kinder zur Welt.

Die privaten Krankenversicherungen übernehmen die künstliche Befruchtung in der Regel vollständig. Besteht hier nicht eine erhebliche soziale Schieflage?

Privatversicherte Paare hatten bereits 2003 eine 2,1 Mal höhere Chance, ein Kind durch eine künstliche Befruchtung zur Welt zu bringen, als gesetzlich Versicherte Paare. Im Jahr 2004 stiegen diese Chancen auf das 5,6fache an. Eine deutliche Verschärfung der Schieflage ist somit nicht zu leugnen.

Herr Professor Häussler, wir danken Ihnen für dieses Interview.
IGES-Chef Professor Dr. Bertram Häussler
IGES-Chef Professor Dr. Bertram Häussler