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Brennpunkt Gesundheitspolitik: Zahlt sich der Hausarztvertrag aus?

Am 1. Juli ist der neue Hausarztvertrag zwischen AOK, Hausärzteverband und Medi-Verbund in Baden-Württemberg in Kraft getreten. Bereits einen Tag später stellten sich die Exponenten der Vertragspartner sowie der nicht zum Zuge gekommenen Kassenärztliche Vereinigung der Diskussion. Tendenz beim Seminar „Brennpunkt Gesundheitspolitik“ des MedCongress in Baden-Baden: Der Optimismus der Beteiligten ist groß, die Kritik der KV verhalten. Wer recht behält, ob Optimisten oder Pessimisten, das muss sich ab 1. Oktober herausstellen: Dann können sich die Patienten in den Vertrag einschreiben.

Die hausärztliche Versorgung in Baden-Württemberg ist mit oder ohne Hausarztvertrag gut aufgestellt, bestätigte Jürgen Graf, Leiter des Fachbereichs Versorgungsmanagement der AOK. Jetzt gehe es darum, sie noch besser zu machen und die Rolle des Hausarztes als Lotsen im System zu stärken. Dessen wichtigere Aufgabe soll sich auch in einer höheren Vergütung widerspiegeln.

Gegenfinanziert werden die höheren Honorare durch Einsparungen in anderen Sektoren, vor allem bei Arzneimitteln und in der stationären Versorgung. Ausgabenanteile, die aus der ambulanten ärztlichen Versorgung in diese und andere Bereiche abgeflossen sind, sollen durch den Lotsen wieder zurückgeholt werden. Denn in der Hausarztpraxis laufen alle Fäden zusammen, erläuterte Graf. Sie werde deshalb - noch stärker als in der Vergangenheit - der zentrale Punkt des Versorgungsgeschehens.
 
Für den Hausärzteverband (HÄV) war der Vertragsabschluss mit der AOK eine einmalige Gelegenheit, die hausärztliche Versorgung an der KV vorbei in eigene Regie zu übernehmen, betonte Dr. med. Franz Ailinger, Vorsitzender in Südwürttemberg des HÄV. Das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz habe dieses neue Versorgungssystem mit neuen Pflichten und Aufgaben für die Hausärzte ermöglicht. Der Vertrag verpflichtet die Ärzte, nach evidenz-basierten Leitlinien zu behandeln, eine rationale Arzneimittel-Therapie mit Hilfe einer speziellen Arzneimittel-Software zu betreiben und sich kontinuierlich fortzubilden, insbesondere in Pharmakotherapie-Zirkeln.
 
Für den Medi-Verbund ist es nach den Worten seines stellvertretenden Vorsitzenden Dr. med. Michael Ruland wichtig, nach diesem ersten Schritt zur hausärztlichen Versorgung nach und nach die Fachärzte mit einzubinden. Dass ein solcher Vertrag nicht ohne Regeln und Friktionen funktioniert, ist aus seiner Sicht klar. „Ich glaube, dass Abstriche möglich sind, ohne dass die Qualität der Behandlung darunter leidet.“
 
Der Vertreter der bei der Ausschreibung unterlegenen KV Baden-Württemberg, Falk Lingen, Leiter des Geschäftsbereiches Vertragswesen, zollte den Siegern Respekt für den Vertragsabschluss und versprach, dass die KV keine Fundamentalopposition betreiben werde. Allerdings zeigte er sich skeptisch, ob die Erwartungen an den Vertrag wirklich erfüllt werden können. Die bisherigen Erfahrungen aus laufenden Hausarztverträgen hätten weder einen Qualitätssprung noch Einsparungen gezeigt. Die Aussage, die Hausärzte im Vertrag bekämen mit einer Vergütung über Pauschalen rund 75 Euro im Quartal und damit deutlich mehr als die 55 Euro im KV-System, wies er als unkorrekt zurück. Die 55 Euro seien nur ein Durchschnittsbetrag. Er befürchte vielmehr in der Zukunft eine Selektion: den Patienten, die im KV-System deutlich mehr als die 75 Euro Honorar brächten, würde die Einschreibung in den Hausarztvertrag nicht empfohlen, denen, bei denen weniger Honorar zu erwarten sei, aber schon, nach dem Motto: die Gesunden in den Hausarztvertrag, die Kranken nicht.

Dem widersprachen die Vertreter von AOK und Hausärzteverband entschieden. Der Vertrag sei so konstruiert, dass dies weitgehend ausgeschlossen sei, meinte Graf. Sollte es aber dennoch dazu kommen, „dann schließen wir das Projekt nach fünf Jahren“.

Ailinger hielt dagegen, dass eine Selektion gar nicht im Interesse der Ärzte liegen könne. Denn wenn die Gesunden in den Hausarztvertrag eingeschrieben würden, bliebe weniger Geld in der Regelversorgung und die Ärzte würden hier weniger bekommen, weil die „Verdünnerscheine“ fehlen.
 
Das neue System muss sich nun in der Praxis bewähren. Seit 1. Juli 2008 können sich Hausärzte in den Vertrag einschreiben, ab 1. Oktober dann auch die Versicherten der AOK. Graf rechnet damit, dass sich von den vier Millionen AOK-Versicherten etwa ein Viertel einschreiben wird. Finanzielle Anreize für die Versicherten gibt es nicht. Sie sollen auf die Qualität der Versorgung bauen.

Das 10. Seminar „Brennpunkt Gesundheitspolitik“ auf dem MedCongress Baden-Baden, 2. Juli 2008, wurde unterstützt durch die gesundheitspolitische Abteilung von Merck Serono, Darmstadt.