Am 1. Juli tritt in Baden-Württemberg ein Vertrag in Kraft, der den Hausarzt zur zentralen Anlaufstelle seiner Patienten und zu seinem Lotsen durchs Gesundheitswesen macht. AOK-Versicherte wie Ärzte können sich nun entscheiden, ob sie sich in diesen Vertrag zur Hausarzt zentrierten Versorgung einschreiben oder nicht. Vertragspartner sind die AOK-Baden-Württemberg, der Hausärzteverband und der Ärzte-Zusammenschluss Medi-Verbund. Während Befürworter in dem Vertrag einen Aufbruch in neue Versorgungswelten sehen, befürchten Kritiker einen weiteren Verlust ärztlicher Autonomie und Behandlungshoheit. Dr. med. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbands Baden-Württemberg, sieht diese Gefahr nicht.
Herr Dr. Dietsche, in einem Schreiben an Ihre „Lieben Kolleginnen und Kollegen“ werben sie für den Beitritt zum Hausärztevertrag. Müssen Sie noch Hemmschwellen überwinden?
Nein, nur ein Informationsdefizit. Mit diesem Vertrag eröffnen wir eine neue Welt mit neuer Gebührensystematik. Statt EBM-Ziffern für einzelne Leistungen gibt es nun ordentliche Pauschalen in Euro. Und es ist klar, dass Kollegen, die sich berufspolitisch nicht so stark engagieren, Gesprächsbedarf haben. Ich bin überzeugt, dass 90 Prozent der Ärzte, die dem Vertrag beitreten können, dies auch tun werden.
Wie viele sind dies in absoluten Zahlen?
Wir rechnen mit 5000 Teilnehmern - mindestens. Das wären rund zwei Drittel der 7500 Ärzte, die in Baden-Württemberg in der hausärztlichen Versorgung engagiert sind.
Was macht diesen Vertrag für den Arzt so attraktiv?
Erstens natürlich die deutlich höhere Vergütung. Sie wird in Euro ausbezahlt und bemisst sich nicht nach irgendwelchen schwankenden Punktwerten. Außerdem sind wir von der in den nächsten Jahren zu erwartenden negativen Entwicklung der Honorare abgekoppelt. Wir haben jetzt eine Art Tarifvertrag. Dafür haben wir 20 Jahre gekämpft.
Zweitens: der Wegfall dieses ganzen Bürokratie-Overkills in der Praxis. Die Abrechnung ist extrem einfach. Außerdem fallen die Folterinstrumente wie Regresse, Budgetierungen, Abstaffelungen einfach weg. Es gibt eine Summe X und damit ist alles erledigt.
Der Hausarztvertrag in Baden-Württemberg unterscheidet sich deutlich von anderen Hausarztverträgen, wo es oft nur um ein paar Euro zusätzlich geht. Bei Ihnen sollen die Durchschnittvergütungen pro Fall im Quartal von 55 auf knapp 80 Euro steigen. Bei Ihnen wird richtig geklotzt...
Das kann man so sagen. Es ist keiner dieser lächerlichen Zusatz-Verträge, die mit Hausarzt zentrierter Versorgung oft nicht viel zu tun haben. Wir stellen ein komplettes Konzept auf die Beine mit einer entsprechenden Fortbildung der Hausärzte, mit einer EDV-Infrastruktur, die eine Steuerung überhaupt erst einmal vernünftig ermöglicht. Das ist eine völlig neue Welt.
... die Ihnen mehr Gewinn bringen soll. Irgendwo muss das Geld doch herkommen, das dann auf Ihren Konten landet?
Die Frage amüsiert mich immer wieder. Die Ärzte sind die einzigen, die fragen, wo der Arbeitgeber das Geld hernimmt. Ich habe noch nie einen Gewerkschaftsführer gesehen, der sich darüber Gedanken gemacht hätte. Diese Frage muss an die AOK gestellt werden.
Trotzdem: Die Erhöhung der Versorgungsqualität zieht in der Regel Verbesserungen der Wirtschaftlichkeit nach sich. Das funktioniert in Dänemark, Skandinavien, in Holland oder in Frankreich. Es gibt keinen Grund, warum das bei uns anders ausgehen sollte. Außerdem können wir im Pharmabereich noch eine ganze Menge einsparen.
Baden-Württemberg zeichnete sich doch in der Vergangenheit durch eine besonders sparsame Arzneimitteltherapie aus. Warum sehen Sie ausgerechnet im Arzneimittelbereich Sparpotenzial?
Die Entwicklung hat sich in den letzten Jahren ins Gegenteil verkehrt. Die Ausgaben im Pharmabereich steigen bei uns überproportional. Außerdem konnten die Arzneimittelrabattverträge der AOK nur sehr schleppend umgesetzt werden, weil uns einfach die Informationen fehlten. Und eines der zentralen Instrumente der neuen EDV-Infrastruktur bietet die Möglichkeit, die Arzneimittelrabatt-Informationen tagesgleich in die Praxis-EDV einzuspielen. Da gibt es eine grüne, gelbe und rote Abteilung und dann fällt einem die Medikamentenauswahl unter Umständen etwas leichter.
Gibt dieses Beispiel nicht ihren Kritikern Recht, die zunehmende Eingriffe in die Autonomie und Behandlungshoheit des Arztes fürchten?
Wir stellen die Information zur Verfügung, die Behandlungshoheit bleibt beim Arzt!
Sie ziehen immer wieder Parallel zu den Gewerkschaften und sprechen sogar von einem Tarifvertrag. Fühlen Sie sich denn mittlerweile als Arbeitnehmer der Krankenkassen? Und verstärkt der Hausarztvertrag nicht die Abhängigkeiten noch mehr?
Natürlich nicht, im Gegenteil, dieser Vertrag stärkt die Freiberuflichkeit der Hausärzte! Es ist allerdings schwierig, passende Vergleiche aus anderen Wirtschaftsbereichen heranzuziehen, deshalb „Tarifvertrag“.
Ärzte, die sich in den Vertrag einschreiben wollen, müssen einige Voraussetzungen erfüllen: Vertragsschulung, Qualitätszirkel, Qualitätsmanagementsystem in der Praxis. Verleihen Sie einem Arzt mit der Aufnahme in ihren Vertrag eine Art Qualitätszertifikat?
Ein toller Gedanke. Aber vieles, was wir fordern, ist schon gesetzlich vorgeschrieben. Wir präzisieren jedoch die Anforderungen und schneiden sie auf die Bedürfnisse der Hausärzte zu, ob dies die Fortbildung betrifft oder das Qualitätsmanagement. Ein Patient, der zu einem eingeschriebenen Hausarzt geht, kann sich darauf verlassen, dass er einen Doktor aufsucht, der für eine optimale Versorgungsqualität steht.
Von wo bläst Ihnen Gegenwind ins Gesicht?
Aus Richtung Kassenärztliche Vereinigung, die unsere Interessen beim besten Willen gar nicht mehr vertreten kann, und von einem konkurrierenden Berufsverband, nicht jedoch von den Medien, den Patienten oder der Politik. Dort hat unser Vorhaben ein tolles Echo gefunden.
Bei so viel Vorschusslorbeeren müssen Sie nun beweisen, dass der Vertrag funktioniert?
Da habe ich keine Zweifel: es klappt.