Professor Dr. Hans Günter Gassen, ehemaliger Direktor des Instituts für Biochemie an der Technischen Universität Darmstadt, Gründer mehrerer Biotech-Firmen sowie langjähriger Biotechnologie-Beauftragter des Landes Hessen, hat mit kritischen Aussagen zum Forschungsstandort Deutschland Aufsehen erregt. Dem Merck Serono Pressedienst sagt er, was ihn an der Forschungslandschaft in Deutschland stört.
Prof. Gassen, Forschungsförderung steht in Deutschland ganz oben auf der politischen Agenda, Förderprogramme des Bundes und der Länder gibt es zuhauf. Das Bundesforschungsministe-rium arbeitet an einem Gesundheitsforschungsprogramm? Was gibt es also zu bemängeln?
Geld für Personal und Ausstattung, hinreichend und vor allem langfristig gewährt, sind wichtig. Aber wenn aus der Kontrolle der Mittelverwendung ein generelles Misstrauen gegen Forscher und ihre Arbeit ablesbar ist, dann motiviert das nicht gerade. Es kommt nämlich auch auf das Klima an, in dem die Forscher arbeiten. Dem ist auch das Berichtsunwesen nicht zuträglich, das uns die Geldgeber aufnötigen.
Außerdem lieben Politiker Forschungsverbünde nach dem Motto: die Verbünde kontrollieren sich selbst und lenken das meiste Geld zu ihren besten Forschern. Ein Irrglaube. Internationale Forschungskonsortien produzieren zweierlei: eine E-Mail-Flut und Wissenschaftstourismus. Effizient wird in kleinen multidisziplinären Teams geforscht, denen eine gestandene Persönlichkeit vorsteht, die den Mut hat, ihrem eigenen Kopf zu folgen.
Welche Fachdisziplinen haben es im Förderungswettlauf am leichtesten?
Jene, von denen in FAZ und Spiegel zu lesen ist. Die stehen im Fokus der Politik und haben es im Kampf um Fördergelder leichter. Zurzeit sind dies etwa die Neurophysiologie und die „weiße Biotechnologie“. Eine Reihe klassischer Disziplinen, etwa die Präparative Organische Chemie oder die Metallkatalyse, die keine Schlagzeilen in den Medien machen, haben es ungleich schwerer und werden allzu leicht vernachlässigt. Wer die Forschungsförderung für sie nach dem Umschichtungsprinzip drosselt, der verursacht ein Loch, das kaum noch aufgefüllt werden kann.
Sie haben ein extremes Sicherheitsdenken in Deutschland kritisiert, das die Forschung erschwere. Was ist denn so schlimm daran, dass die Gesellschaft Sicherheit erwartet?
Wir haben es mit einer schizophrenen Situation in unserer Gesellschaft zu tun: Einerseits versucht diese Gesellschaft Sicherheitsrisiken auf Null zu reduzieren. Bei neuen Arzneimitteln werden vor der Zulassung immer mehr Prüf- und Berichtspflichten gefordert, weswegen innovative Medikamente für manchen Patienten zu spät kommen. Andererseits vergessen die Menschen, dass Medikamente keine Schokoladenkugeln sind und nehmen sie unreflektiert und ohne jegliches Risikobewusstsein ein.
Aber um klinische Prüfungen kommt niemand herum. Sie brauchen ihre Zeit. Und Arznei-mittelzwischenfälle kann sich die Pharma-Industrie nicht leisten. Wie entrinnt man diesem Dilemma?
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Gerade in der medizinischen Forschung muss Sicherheit oberste Priorität haben. Aber aus einem überzogenen Sicherheitsdenken, das eher emotional denn rational begründet ist, entstehen selbst wieder Risiken, etwa durch verzögerte Markteinführung.
Richtig ist: Jedes Medikament beinhaltet je nach genetischer Konstitution und Lebensweise eines Patienten individuelle Risiken. Daher bin ich Befürworter einer Analyse des Erbguts bei multimorbiden Patienten, sobald die Sequenzierungskosten vertretbar sind. Denn damit kann ermittelt werden, ob und wie ein Medikament bei dem Betroffenen individuell wirkt, bzw. welche Nebenwirkungen ihm drohen. Die kann man ihm durch die Wahl einer anderen Therapie ersparen, ohne der großen Mehrheit, bei der die Nebenwirkungen wegen deren genetischer Ausstattung nicht auftreten, das lebensbewahrende Medikament vorenthalten zu müssen.
Wie lässt sich die Umsetzung von Forschungsergebnissen beschleunigen?
Die Genomanalyse, die eine individuelle Risikoabschätzung vor der Medikamenteneinnahme erlaubt, ist eine Möglichkeit. Die andere ist die Entrümpelung der Prüfvorschriften. Es kommen ständig neue hinzu, ohne dass man die nach dem Stand der Wissenschaften Überholten ausmistet. Zudem sollte eine effizientere Zusammenarbeit zwischen der europäischen Arzneimittelbehörde EMEA und der amerikanischen FDA angestrebt werden.
Herr Prof. Gassen, Sie haben seit mehreren Jahrzehnten als Wissenschaftler und Unternehmer tiefen Einblick in die Forschungslandschaft. Haben Sie Hoffnung auf eine Wende zum Besseren?
Aber ja. Zum einen haben wir in Deutschland eine effiziente Forschungsstruktur. Sie ist mit Bezug auf Akademiker und Techniker die Beste in der Welt. Keinem der Beteiligten, von Politikern über das Laborpersonal bis hin zum Marketing-Chef, kann man Kompetenz und guten Willen absprechen. Wir haben insbesondere dann beste Chancen, wenn wir wieder in Persönlichkeiten statt in Systeme investieren. Gerade die befürchtete Rezession bietet uns die Option zur Umkehr.