Offenbar erhalten immer mehr Ärzte von Krankenhäusern Prämien für die Einweisung von Patienten. Vertreter der Krankenhäuser und der Ärzteschaft werfen sich nun gegenseitig illegale Praktiken vor. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) bezeichnete solche Fälle als „Betrug zu Lasten der Versicherten und der Solidargemeinschaft“. Nach Angaben der Bundesärztekammer seien lediglich 70 bis 80 Prozent aller Überweisungen nicht zu beanstanden. Muss es dem Patienten da nicht mulmig werden? Wir fragten Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP).
Herr Candidus, waren Ihnen solche Praktiken vor den jüngsten Veröffentlichungen bekannt und welchen Umfang haben sie Ihrer Meinung nach?
Die Aufregung um diese Fangprämien-Praxis kann ich nicht verstehen: Das Problem ist doch längst bekannt. Bereits im Januar 2009 hat die DGVP in der ARD-Sendung „Report Mainz“ auf die Einweisungsprämien aufmerksam gemacht. Die Reaktion bei Krankenversicherung und Politik blieb gleich Null. Das überraschte sogar die Redaktion von „Report Mainz“. Jetzt ist die Sachlage nicht anders, wohl aber das Umfeld: Wir haben Wahlkampf. Der Vorwurf eines Betruges zu Lasten der Versicherten und der Solidargemeinschaft wird von der Politik kontinuierlich erhoben. Noch vor einem Jahr waren es die Pflegekräfte, die wegen angeblich schlechter Leistungen kritisiert wurden. Zwischenzeitlich standen Pharmaindustrie und Medizinproduktehersteller als Kostentreiber am Pranger. Mit solchen, teilweise aufgebauschten Vorwürfen, soll von den strukturellen Schwächen des Gesundheitswesens abgelenkt werden.
Ärzte und Krankenhäuser schieben sich gegenseitig die Schuld an den Zuweisungsprovisionen in die Schuhe. Worin sehen Sie die Ursache für diese Praktiken?
Das ist eine Folge des sich zunehmend verschärfenden Spar- und Wettbewerbsdrucks bei Ärzten und Krankenhäusern. Deshalb fordern wir von der Politik immer wieder, dass durch eine zukunftsorientierte Gesundheitspolitik die Rahmenbedingungen für Mediziner und stationäre Einrichtungen verbessert werden. Der Fortbestand der Planwirtschaft mit Budgetierung, Deckelungen und Rabattverträgen in Kombination mit der von der Politik geforderten Marktwirtschaft im Gesundheitswesen muss zu Fehlentwicklungen führen. Planwirtschaft und Marktwirtschaft können miteinander nicht funktionieren.
Wenn die Hinweise stimmen, dann muss ein Patient damit rechnen, nicht in das für ihn geeignetste Krankenhaus mit der besten Versorgung überwiesen zu werden, sondern in die Klinik, die am meisten für die Einweisung zahlt?
Das eigentlich Bedauerliche an der jetzigen Situation ist, dass die notwendige und wichtige Vertrauensbasis zwischen Patienten und Medizinern selbst dann zerstört wird, wenn sich der Arzt nichts hat zu Schulden kommen lassen. Die DGVP fordert deshalb von allen Beteiligten, dass solche „Prämienzahlungen“ unterbleiben. Ärzte und Krankenhäuser müssen so vergütet werden, dass sie nicht auf die Zahlung eines Kopfgeldes angewiesen sind.
Ist die Integrierte Versorgung, bei der Hausärzte und stationäre Einrichtungen bei der Behandlung ihrer Patienten zusammenarbeiten und gegebenenfalls aus einem gemeinsamen Budget bezahlt werden, ein Ausweg aus dieser Grauzone oder verstärkt diese Zusammenarbeit das Problem noch?
Die Nutzung von effektiv wirksamen Strukturen der Integrierten Versorgung könnte dazu beitragen, dass erst gar kein Bedarf an „Prämien“ entsteht. Durch die Effizienz solcher Strukturen würde die Wirtschaftlichkeit für alle Beteiligten verbessert und somit Finanzmittel und andere Ressourcen freigesetzt.
Was raten Sie einem Patienten, der sicherstellen will, dass er im richtigen Krankenhaus landet? Wo oder bei wem kann er sich informieren?
Patienten sollten sich zunächst auf der Internetseite des Krankenhauses informieren. In Gesprächen mit Angehörigen und Freunden, die möglicherweise bereits Erfahrungen mit der Klinik gemacht haben, kann die Entscheidung weiter reifen. Von den zahlreichen Krankenhaus-Bewertungsseiten im Internet rate ich hingegen ab, da es sich hierbei oftmals nicht um eine neutrale Informationsquelle handelt, sondern um geschicktes Marketing einzelner Krankenhäuser.

DGVP-Präsident Wolfram-Arnim Candidus (Foto: DGVP)