Heute (16.10.2007) wird in Berlin die neueste Ausgabe des Arzneiverordnungs-Report (AVR) vorgestellt. Über 20 Jahre hat er die Gesundheitspolitik beeinflusst. Seit 2006 hat das Werk Konkurrenz: Den „Arzneimittel-Atlas“. Prof. Dr. med. Bertram Häussler, Geschäftsführer des IGES – Institut für Gesundheits- und Sozialforschung GmbH, ist Mitautor. Wir haben ihn gefragt, was er am AVR bemängelt.
Das Interview kann in voller Länge oder in Auszügen abgedruckt werden.

Prof. Dr. med. Bertram Häussler
Der Arzneiverordnungs-Report hat seit über zwei Jahrzehnten großen Einfluss auf die Gesundheitspolitik. Woran liegt das?
Prof. Häussler: Der Arzneiverordnungs-Report war in seiner Aussage für die Politiker stets sehr genehm: Er lieferte den Sparmeistern unter ihnen die Argumente gegen Ärzte und Pharma-Industrie, um die Regeln der Arzneimittelversorgung zu verschärfen. Der AVR stand beispielsweise im Jahr 2004 Pate für die so genannten Jumbo-Gruppen, durch die patentgeschützte und nicht patentgeschützte Arzneimittel in einen Festbetragstopf geworfen werden. Er stand auch Pate für die gerade von Kassen und Ärzteschaft wieder gekippte Bonus-Malus-Regelung, durch die Ärzte für besonders sparsame Verordnungen belohnt werden sollten.
Ist der AVR für Politik und Krankenkassen ein verlässlicher Wegweiser, um zu sachgerechten Regelungen der Arzneiversorgung zu kommen?
Prof. Häussler: Dem AVR kommen große Verdienste zu. Er war das erste Werk, das quantitative Informationen über die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln bot. Allerdings hat sich die Arzneimitteltherapie in über 20 Jahren völlig verändert, was sich jedoch im methodischen Ansatz des AVR nicht wieder findet. Deswegen sind seine Aussagen heute problematisch.
Der AVR zählt beispielsweise noch immer die Zahl der verordneten Arzneimittelpackungen, nicht die verordneten Tagesdosen eines Medikaments. Da größere Packungen natürlich teurer sind als kleine, kommt der AVR auf höhere Therapiekosten. Tatsächlich aber sinken sie, denn die einzelne Tagesdosis aus der Großpackung ist billiger. Außerdem sollte man nur innerhalb eines Krankheitsgebiets untersuchen, welches Medikament gegen ein anderes ausgetauscht wird. Der AVR wirft noch immer alles in einen Topf: Aber Rheuma-Medikamente kann man nicht durch Hustenmittel oder Diabetesmedikamente ersetzen.
Was sind die Folgen dieser Mängel?
Prof. Häussler: Die viel diskutierte Strukturkomponente, in der Politik und Kassen die Hauptursache für die Ausgabensteigerungen im Arzneimittelbereich sehen, wird dadurch viel zu hoch ausgewiesen. Nach der AVR-Methodik liegt sie um ein Zehnfaches höher als nach den Berechnungen des „Arzneimittel-Atlas“. Andererseits werden wichtige Informationen überhaupt nicht erfasst, etwa die Mengenentwicklung in einzelnen Krankheitsgebieten.
Was nützen solche Detailbetrachtungen? Ist für die Ausgabenhöhe nicht die Gesamtmenge der verordneten Arzneimittel entscheidend?
Prof. Häussler: Das sehe ich anders. Es ist wichtig zu wissen, in welchen Indikationen besondere Verordnungszuwächse zu erwarten sind, etwa die jährliche Steigerung um zehn Prozent bei den Blutdruckmedikamenten.
Was sind die Gründe für solche Steigerungen, werden sie durch das Marketing der Arzneimittelhersteller beeinflusst?
Prof. Häussler: Nein, das hat andere Gründe. Wir können epidemiologisch einwandfrei nachweisen, dass wir in Deutschland in einigen Bereichen eine Unterversorgung mit Arzneimitteln haben: bei Blutdruck, bei Diabetes oder bei Blutfettstörungen. Diese Arzneimittel sind nun so billig geworden, dass es für den Arzt wirtschaftlich nicht mehr gefährlich ist, diese Medikamente auch zu verordnen.
Warum sollten die Politiker und Kassen dem Arzneimittel-Atlas mehr vertrauen als dem Arzneiverordnungs-Report?
Prof. Häussler: Sie sollen uns nicht vertrauen, sondern beide Untersuchungsansätze prüfen und dann ihre Schlüsse ziehen, dann werden sie sehen, dass unsere Untersuchung die Wirklichkeit besser abbildet.
Bei der Vorstellung des neuen AVR sitzt das Bundesgesundheitsministerium wieder mit auf dem Podium. Ärgert Sie, dass die Politik den AVR so hofiert?
Prof. Häussler: Nein. Der AVR hat auch wegen unseres Arzneimittel-Atlas’ massiv an Boden verloren. Da kann mehr öffentliche Aufmerksamkeit durch die Teilnahme eines hochrangigen Ministeriumsvertreters nicht schaden.